Myers Flat – Garberville (35,07 km)
Wir, d.h. ich habe einen schweren Verlust erlitten. Ich trauere um meine gute Marmot-Regenjacke. Hätte ich gewusst, dass sich unsere Wege heute trennen, hätte ich sie gestern Abend noch einmal angezogen.
Heute leuchtete uns von Anfang an blauer Himmel entgegen. Nach einem gemütlichen Frühstück auf der wackeligen Zeltplatz-Picknickbank hieß es wieder „einpacken“. Das Außenzelt kam als Letztes dran, es musste zum Abtrocknen noch einmal in der Sonne gewendet werden.
Bei dem schönen Wetter, so hofften wir, würde es sich bestimmt genauso gut radeln lassen wie gestern. Zunächst ging es weiter auf der landschaftlich schönen (Scenic) Nebenstrecke, entlang der Avenue of the Giants. Und es waren immer wieder Anstiege zu bewältigen, wie wir sie gestern nicht hatten. Wir nutzten die fast letzte Gelegenheit, bei einem Halt noch einmal „Zwiesprache mit den Giganten“ zu halten, weil wir Morgen dieses Gebiet verlassen und wieder Richtung Küste radeln. Wieder ein Anstieg! „Mensch und Material“ waren voll gefordert. An Birgits Rad quietschte etwas. Also „Werkzeugtasche“ auf und geschmiert. Nach etwa 10 Kilometern – wir hatten ein kurzes Stück des Freeway US 101 hinter uns gelassen und waren wieder auf der Nebenstrecke – fiel Birgit die eingerollte Regenhose auf, die zwischen Zeltrolle und Packtasche auf meinem Gepäckträger lag. Da ich das Regenzeug immer in der vorderen Packtasche (der Werkstatt) parat hielt, musste ich es auspacken. Ich hatte es eigentlich sichtbar abgelegt, die Regenjacke war aber offensichtlich runtergerutscht. Ich hatte vergessen sie wieder einzupacken. Auch meine Jagd zurück, in der Hoffnung sie am Straßenrand wiederzufinden, brachte leider nichts. Kurz vor dem Punkt wo das Unglück seinen Ausgang nahm, machte es Kracks und ich hatte einen Platten, den ersten nach vielen hundert Kilometern, aber ausgerechnet jetzt. Ein fetter Glassplitter hatte sich wie ein Dorn durch den Mantel gebohrt. Alle Taschen abbauen (zum Glück hatte ich sie nicht abgebaut, sonst hätte ich Werkzeug und Ersatzschlauch nicht dabei gehabt), Hinterrad ausgebaut, Schlauch gewechselt, gepumpt, also wieder einpacken und vor der Abfahrt (diesmal!) sorgfältig umgeschaut. Wieder zurückgerast zu Birgit, die inzwischen, rastend im Schatten eines Baumgiganten, wieder Einiges im Reiseführer über San Franciso erfahren hatte. Mittlerweile war unsere übliche Halbzeitpause herangerückt, aber der nächste Ort gab kulinarisch nicht viel her, so dass wir bis Garberville weiterfuhren. Hier nun die Gewissensfrage: wollten wir Richtung Leggett weiterfahren und riskieren, keine gute Unterkunft mehr zu bekommen? Schließlich sind die meisten Orte hier nicht sehr groß, von 50-250 Einwohner (die Einwohnerzahl und Höhenlage ist auf dem Ortseingangsschild zu lesen) und haben bestenfalls eine Übernachtungsgelegenheit. Wir entschlossen uns in Garberville zu bleiben und unsere Trumpfkarte auszuspielen: In einem Couponheft hatten wir ein gutes Übernachtungsangebot im Best Western Plus entdeckt, inklusive „Hot Breakfast“ (nicht nur folieverpacktes süßes Gebäck – was man hier unter „continental breakfast“ versteht), und Käse-Wein-Emfang zwischen 17.30-19.00.
Nach der obligatorischen heißen Dusche machten wir einen kleinen Stadt-Spaziergang entlang der Hauptstraße, schauten uns in zwei Sportladen nach Ersatz für meine Regenjacke um und entschieden uns für ein Not-Regenponcho, nachdem die Verkäuferin versicherte, sie würden erst wieder im September neue Regenkleidung geliefert bekommen, da die Regensaison ja vorbei sei. Halleluja! Drückt die Daumen. Ein netter Buchladen fiel uns noch ins Auge, der sich als modernes Antiquariat herausstellte. Etwas Lektüre für den hoffentlich nicht mehr so fernen Strandtag wäre doch schön. Die nette ältere Dame an der Kasse verwickelte Birgit noch in ein Gespräch. Wir erfuhren, dass ihr Chef, ihr Sohn, diesen Laden erst letzte Woche eröffnet hatte, und dass gebrauchte Bücher heutzutage leichter zu verkaufen seien. Eine weitere Kundin betrat den Laden und fragte, ob sie auch Bücherspenden abgeben könne, ja das ginge, der Erlös würde dann an eine Organisation zur Bekämpfung des Analphabetismus gehen.
Auf unserem Rückweg zum Hotel noch schnell ein Dessert eingekauft (Obst und etwas Eis sowie Kekse für unterwegs) und dann zum „Empfang“.
Es war sehr nett, Käsehäppchen, Cracker, Weißbrot und bis zu drei Gläsern Wein pro Gast. Wir saßen nett im Wintergarten genossen den Wein aus dem Sonoma County. Das Dessert „nahmen“ wir dann auf dem Balkon unseres Hotelzimmers bei den letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages. Ein versöhnlicher Ausklang des „Pechtages“, auch wenn wir heute nur 35 (bzw. 49) km gefahren sind.