Leer – Emden
36,25 km
Heute lag nur eine kurze Etappe vor uns. Daher konnten wir uns Zeit lassen, zumal die Ems-Fähre in Ditzum gegen Mittag eine längere Pause machte und wir die 11:00-Uhr-Fähre wahrscheinlich nicht schaffen würden. Da lagen noch einige Kilometer dazwischen!
Erstmal ging es am Stadkanal über den Stadthafen aus Emden heraus. Aber wir machten noch einen kleinen Schlenker in die Einkaufsstraße wo wir gestern einen Schafwollladen entdeckt hatten. Unsere Freundin Doro schwor bei Radtouren auf den Schafwollüberzug auf ihrem Sattel und solche hatten sie auch hier im Laden. Birgit fand die passende Größe für ihren Sattel, fuhr eine Proberunde und war überzeugt. Auch ich probierte es einmal und fand es ganz angenehm nicht auf so einem Kunststoffsattel hin- und herzurutschen. Außerdem liegt der Hauptzweck eines solchen Bezugs, so die Verkäuferin, nicht darin, zu polstern, sondern die entstehende Feuchtigkeit abzuleiten und so das „Wundsitzen“ zu verhindern. Ich entschied mich für ein dunkles Fell und nun konnten wir los.
Rauszu aus Emden mussten wir erst etwas an der Straße fahren bevor wir in Richtung Deich abbiegen konnten. Der Weg führte hinter dem Deich entlang, auch hier über Viehgatter. Allerdings stand am „Einstieg“ in den Deichweg ein Schild wie wir es bisher auf dem Radweg noch nicht gesehen hatten. Da wurde quasi um Verständnis und Entschuldigung gebeten, dass die Reinigung des Deichwegs nach Abstimmung zwischen Gemeinde und Landwirten erfolgt. Da muss sich anscheinend – natürlich typisch Deutschland – jemand über irgendwelchen „Schafscheiß“ beschwert haben, oder?
Dabei rollte es sich hier gut und auch die Ausschilderung war gut. In Jemgum gab es sogar eine Schutzhütte, Fahrradständer mit Zahlenschließfächern mit Ladesteckdose und eine Werkzeugstation. Aber wir wollten hier nur dem Wegweiser in den Ort folgen, weil es hier am „Endje van de Weld“ (seit 700 v. Chr. gibt es hier eine Siedlung) einiges Historisches zu sehen gab: eine alte Kirche aus dem 13. Jh., eine Holländer-Windmühle von 1756 und das „Alba-Haus“. In letzterem hatte der „Namensgeber“, der spanische Statthalter der Niederlande Herzog Alba, 1568 genächtigt; Anlass wer die Schlacht von Jemgum im spanischen Erbfolgekrieg.
Die Strecke bis Ditzum war malerisch, wir passierten noch ein Siel und hatten vom Deich aus einen schönen Blick auf Ditzum. Ein Hindernis mussten wir noch nehmen: ein paar Schafe auf einer schmalen Brücke ließen sich partout nicht stören und wir mussten uns vorsichtig „durchdrängeln“.
Die Fähre lag im Hafen zur Mittagspause – Zeit für ein Fischbrötchen mit gutem Emdener Matjes und dann noch ein ostriesisches Eis zum Nachtisch. So verging die Wartezeit bei bestem Sonnenschein, bevor sich die „Karawane“ der wartenden Radfahrer auf die Fähre begab, freundlich dirigiert vom Fährmann. Erstaunlich wie viele Fahrräder – und ein Motorrad – Platz fanden. Bei Auslaufen noch einen Blick auf den Hafen und die vor Ort liegenden Schiffe; vor einer Werft lag sogar ein Holz-Zweimaster aus Wien. Hinter uns lag jetzt das Ems-Sperrwerk, vor uns der Hafen von Petkum, wo bei unserem Einlaufen die vielen Gänse und weitere Seevögel ganz unruhig wurden und etliche durchstarteten.
Während die meisten Radfahrer den Radweg neben der Fernstraße in Richtung Emden nahmen, verließen wir diese und erreichten den Ems-Seitenkanal an dem der Nordseeradweg ein ganzes Stück entlang führte. An einer Wasserkreuzung mussten auch wir über eine Gitterbrücke den kreuzenden Kanal überqueren.
Am Kanal war eine winzige Anspielung auf Emdens berühmten Sohn zu entdecken: auf einem unscheinbaren Kanalschild ein Ottifant! Und später noch einer! Aber dazu später…
Unser Hotel lag günstig am Radweg und so checkten wir ein, stellten wir unsere Räder sicher ab und machten uns stadtfein. Schließlich waren wir nicht so spät dran und wollten noch in mindestens eines der Museen in Emden – Kunsthalle, Ostfriesisches Landesmuseum oder … Dat Otto Huus!
Natürlich mussten wir das dem gebürtigen Emdener und späteren Ehrenbürger Otto Waalkes gewidmete Museum zuerst besuchen. Neben der beindruckenden Chronik seines Werdegangs vom Kunststudenten, Bandmitglied und Solo-Komiker bis hin zum Filmschaffenden und Gelegenheits-Dirigenten ist die beeindruckende „Preis-Ausbeute“ ausgestellt, ebenso wie Fotos mit etlichen Berühmtheiten wie Paul McCarney, Gorbatschow usw. Und viel Witziges: Einen Ottifanten als König der Berge auf Knopfdruck einen Wasserfall „erbricht“, den kleinsten Ottifanten der Welt, gezeichneten Witz und Parodien auf berühmte Gemälde, Requisiten, … Und in der obersten Etage kann man es sich in einer der Kinoreihen bequem machen und Sketche und Filmausschnitte von Otto in loser Folge und aus allen Schaffensperioden anschauen.
Die Fußgängerampel vor dem Otto Huus zeigt bei Grün die Silhouette des hüpfenden Otto und die Ampel zum Eingang ins Museum einen Ottifanten.
Die Zeit war wie im Fluge vergangen und als wir bei der Kunsthalle ankamen war es schon eine halbe Stunde vor Toresschluss; wie das Landesmuseum schloss sie bereits um 17:00 Uhr.
Also schlenderten wir zurück in die Innenstadt, die leider nur wenige historische Gebäude zu bieten hat. Im 2. Weltkrieg war Emden zu 80 % zerstört worden und vieles ist natürlich seitdem neu gebaut worden, Aber durch die Verwendung von Backstein und entsprechenden Stilelementen hat sie den norddeutschen Charakter bewahrt. Es gab auch genug Räume für öffentliches Leben – bei dem sonnigen Wetter spielte sich bei Restaurants und Kneipen viel draußen ab.
Auch wir suchten uns ein Plätzchen im Freien für unser Abendessen. Auf dem Oberdeck des Feuerschiffs Deutsche Bucht genossen wir typisch norddeutsche Küche.