Jever – Varel
(80,59 km)
Das Parkhotel machte seinem Namen alle Ehre und bot ein phantastisches Frühstück im hübschen Hotelgarten an. Endlich einmal draußen frühstücken (Camping zählt nicht, da hat man schließlich keine Alternative). Bis wir dann mit allem fertig waren und losradeln konnten, war es bereits kurz nach zehn. Da der Weg direkt über den Markplatz führte, waren wir auch schnell wieder auf der Route. Pfingstmontag ist traditionell Mühlentag und daher organisieren Mühlenbesitzer oder -vereine meist entsprechende Veranstaltungen. An der Schachtmühle in Jever war man gerade dabei die Straße für das Mühlenfest abzusperren. Da hatten wir Glück, dass wir noch schnell durchrutschen konnten. Nun ging es auf wenig befahrenen Straßen erstmal nach Hooksiel. Eigentlich wollten wir uns in dem kleinen historischen Ort, indem es bereits seit dem 16. Jahrhundert einen Siel gibt, etwas näher anschauen. Doch das Pfingstfest machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die Dorfstraße war voller Buden und Fahrgeschäfte und die Gäste kamen in Scharen. Das war uns eindeutig zu viel Trubel. Wir schwangen uns wieder auf unsere Drahtesel und fuhren weiter. Anfänglich ging es wieder über Dorfstraßen, doch bald fuhren wir auf einem straßenbegleitenden Radweg in die Stadt Wilhelmshaven. Die Route führte durch Vororte, Gartenkolonien und den Stadtpark. Wir kamen am Campus Wilhelmshaven vorbei, ebenso am Kunstmuseum und Marinearsenal. Nun hatten wir schon knapp 30 km hinter uns, also Zeit für ein Käffchen und ein Stückerdbeerkuchen am Backereicafé am Bontekai.
Ausgeruht und gestärkt ging es weiter am Bontekai entlang über die Kaiser-Wilhelm-Brücke zum Südstrand und am Banter See entlang aus Wilhelmshaven heraus. Bei dem schönen Wetter war natürlich eine Menge los und so entschieden wir uns, nicht am Deich sondern an der Straße vor dem Deich zu fahren.
Nun ging es erstmal wieder weg von der Küste. Wir kamen an einer historischen Sielanlage in Mariensiel vorbei. Hinter dem Siel stand ein hoher Mast, an dem die Wasserstände bei Sturm- und Orkanfluten durch die Jahrhunderte angezeigt wurden. Wenn man bei schönem Wetter und Sonnenschein da steht, kann man sich gar nicht vorstellen, dass das Meer mit Kraft und Gewalt so tief ins Land vordringen und Angst und Schrecken verbreiten kann.
Und natürlich gab es auch heute wieder eine Streckensperrung – eine Brücke über den Ems-Jade-Kanal wurde gebaut. Nun war auch klar, warum ich gestern bei der Streckenplanung mit Komoot Probleme hatte. Ein freundlicher Herr auf seinem E-Bike zeigte uns, wo wir langfahren mussten und fuhr sogar selbst ein Stückchen mit. So kamen wir wieder auf die Route und konnten nun dem Kanal über mehrere Kilometer folgen. Der Erdbeerkuchen hatte nicht lange vorgehalten und da wir noch Proviant von gestern hatten, machten wir einen kleinen Umweg um auf einer Bank mit Blick auf den Sander See ein kleines Picknick einzulegen.
Weiter ging es Richtung Gödens. Dort hätten wir uns schon gerne das Wasserschloss angeschaut, doch es war irgendein Fest. Zwei Äcker standen voller PKW und die Massen strömen herbei. Das war uns doch zu viel Gedöns. Wir fuhren weiter nach Neustadtgödens, laut einem Schild am Ortseingang das schönste Dorf Niedersachsens. Das war nicht sehr übertrieben, an sehr vielen Häusern waren Zunftfahnen angebracht, die darauf hinwiesen, wer früher da gewohnt hat, der Fellhändler, Teehändler, Schmied etc. Etwas mehr über das dörfliche Leben, das seinen füheren Wohlstand dem Flachs und dem Handel zu verdanken hat, erfuhren wir im Landrichterhaus. Das liebevoll gestaltete kostenlose Museum bietet ein Sammelsurium an Alltagsgegenständen früherer Zeiten – Spinnräder und Webstühle. Infotafeln erklärten den Anbau und die Verarbeitung von Flachs. Und zumindest hier sahen wir Schloss Gödens auf einem Gemälde. Es wurde aber auch an frühere Bewohner und deren Schicksale: erinnert: vom Deichbaumeister Albert Brahms (1692-1758), einem der wichtigsten Pioniere des Küsteningenieurwesens bis zum Schauspieler und Rezitator Ludwig Hardt, der wegen seiner jüdischen Abstammung in die USA emigrieren musste und dort 1947 starb, ohne an seine Erfolge anknüpfen zu können. Eine Ausstellung widmete sich dem Vereinswesen in verschiedenen Zeiten, deren sozialer Funktion aber auch den zum Teil strengen Regeln mit teilweise absurden Auswüchsen. So verbot ein Kaninchenverein den Kaninchen das „Mümmeln während der Bewertung“.
Aus Versehen (wir hatten einen Wegweiser falsch interpretiert) kamen wir noch an der Peldemühle vorbei, die wegen des Mühlentages geöffnet war. Wir stiegen die steile Treppe in die zweite Galerie hinauf. Dort erzählte der (ehrenamtliche) Müller, dass die Mühle wegen der umstehenden hohen Bäume und Gebäude (und dadurch wenig Wind) seit ein paar Jahren leider nicht mehr regelmäßig mahlen kann. Aber ein Verein und andere interessierte Bürger halten die Mühle mit viel Engagement und Eigenleistungen betriebsbereit, um sie ab und an vorführen zu können.
Nun führte uns unsere Route wieder in Richtung Küste und schon wurde es wieder deutlich belebter. In Dangast kamen wir einem Zeltplatz mit riesigem Spielplatz und Schwimmbar vorbei, da war natürlich ordentlich was los.
Die letzten Kilometer bis zum Vareler Hafen ging es nochmal am Deich entlang. Mit etwas Rückenwind fuhr es sich wunderbar. Da dauerte es auch nicht mehr lange bis wir unser Hotel in Varel erreichten. Fahrräder abgestellt, geduscht und nun endlich was richtiges Essen. Wir entschieden uns nochmal für Fisch (Dorsch und Nordseescholle) und wurden nicht enttäuscht, auch das Dessert war vorzüglich. Bei einem Verdauungsspaziergang sahen wir uns Varel an. Es gab schon ein paar ganz hübsche und interessante Gebäude, aber wir haben sicher interessantere Orte auf dieser Tour gesehen.