Norddeich – Jever
(80,21 km)
Nach einem – nach Möglichkeiten – ausgiebigen Camping-Frühstück mit Brötchen, holländischem Käse aus Alkmar, Bierknackern und Fruchtjoghurt packten wir unser Zelt ein und weg waren wir: weiter auf unserer Mission, eines Tages den Nordseeradweg vollständig befahren zu haben. Nun gut, heute ging es nur um einen kleinen Teil davon, aber immerhin wollten wir bis Jever.
Erst einmal führte uns der Weg bis Norddeich-Mole – Endstation für Regionalbahn und Intercity und Startpunkt für die Fähren nach Juist und Norderney. Aus sentimentaler Erinnerung hielten wir kurz inne, denn hier hatten wir vor ein paar Jahren einen einwöchigen Kurzurlaub auf Juist gestartet.
Die Fähre nach Norderney sahen wir noch vom Deich aus, auf dem heute sehr viele Radfahrer in beiden Richtungen unterwegs waren. Einen Abzweig nach Dornum ließen wir aus, auch wenn das Wasserschloss aus dem 17./18. Jh. sicher eines Besuchs würdig gewesen wäre. Aber Dornumersiel an der Küste bot neben dem kleinen Hafen einen hervorragenden Fischimbiss. Eigentlich wollten wir nur eine Kleinigkeit essen, aber die Portion Matjes mit Bratkartoffeln war doch etwas größer. In Bensersiel bogen wir von der Küstenroute ab um einen empfohlenenen Abstecher nach Esens zu machen; allerdings wieder mit Hindernissen: der ursprüngliche Deichweg war gesperrt. Esens selbst bezeichnet sich als ostfriesische Häuptlingsstand. Ein Häuptling, Ritter Siebet Athena, war Herrscher des im 8. Jh. begründeten Harlingerlandes; er starb 1473 und wurde in einem Sandstein-Sarkophag beigesetzt, der heute im Turmmuseum von St. Magnus (Eintritt frei, um Spenden wird gebeten) zu besichtigen ist. Man kann auch den Turm hinaufsteigen und die Uhrmechanik und den Glockenstuhl besichtigen. Zudem hat man von hier oben gute Aussicht auf die Stadt und das Umland. Auf dem Marktplatz und in der Fußgängerzone waren uns immer wieder Bärenfiguren aufgefallen, die an die Berliner Buddy-Bären erinnerten aber in ihrer Gestaltung auf den jeweiligen Sponsor verwiesen. Der Bär ziert auch das Stadtwappen. Dies geht auf eine Geschichte aus der Belagerung Esens zurück, deren Leidtragende auch ein Gaukler mit seinem Tanzbären wurden. Der in einem Nebenturm der Stadtfeste eingesperrte Bär wurde irgendwann so hungrig, dass er das Gitter durchbrach und Steine nach unten auf die Belagerer schleuderte. Diese brachen die Belagerung wegen vermeintlicher Erfolglosigkeit ab, da selbst unnütze Tanzbären offensichtlich noch durchgefüttert werden konnten.
Wieder zurück an der Küste erreichten wir den eigentlich recht beschaulichen, aber gerade wohl eher viel beschauten Hafenort Neuharlingersiel. Tröstlich: es gab ein nicht zu überlaufenes Bäckerei-Café, das auch Eis anbot. So „tankten“ wir einen Kaffee und einen frischen Erdbeereisbecher.
Am Wegesrand lag rechterhand ein Vorgelschutzgebiet, in dem sich etliche Arten von Gänsen und anderen Seevögeln tummelten. Doch ein Tier passte nicht ganz in dieses Bild: ein Hase, der seelenruhig im Gras vor sich hin mümmelte. Dahinter versteckt sogar ein zweiter.
Vor Harlesiel wurde die Lage wieder etwas unübersichtlich. Bei der Planung hatte uns komoot eine riesige Umleitung ausgeworfen. Und auch der Weg hinter dem Schöpfwerk war eigentlich gesperrt. Aber wir kamen trotzdem durch, vielleicht weil Sonntag war und auf der eirngerichteten Baustelle nicht gearbeitet wurde.
Wie verließen die Küste nun und radelten auf Inlandrouten Richtung Jever, das wir sogar früher als gedacht erreichten. Am Ortseingang hieß uns ein grünes Schild in der Heimat des friesisch herben Jever willkommen. Auf dem Weg zu unserem vorgebuchten Hotel durchquerten wir schon einmal die Innenstadt, die wir dann frisch geduscht erkundeten.
Am Markplatz stießen wir auf den Sagenbrunnen, der lokale Sagen darstellt. Die Gestaltung mit beweglichen Brunnenfiguren kan uns doch irgenwie bekannt vor … Und richtig: auch dieser Brunnen, wie der in Aachen, stammte von Bonifatius Stirnberg aus Aachen.
Wir passierten die gut belegte Außenterrasse eines Lokals. Wir beschlossen hier zu Abend zu essen und eröffneten erst einmal mit einem großen Jever Pilsner. Da wir heute schon leckeren Fisch und einen Eisbecher hatten, beschänkten wir uns auf einen Flammkuchen.
Nach dem Essen drehten wir eine Runde durch die Stadt, entdeckten das eine oder andere historische Gebäude und betraten verwundert und interessiert die um diese späte Stunde noch geöffnete Stadtkirche – einen eindrucksvollen Neubau mit modernen Glasfenstern und Orgel.
Selbst einen kleinen „Kringel“ durch den Schlosspark konnten wir noch drehen, dessen Einrichtung auf „Fräulein Maria“ – Maria von Jever zurückgeht, die 1536 – 1575 regierte und für die Selbstbehauptung von Jever gegenüber den ostfriesischen Herrschern eintrat. Sie verfügte auch, das Jever nach ihrem Tod an das Oldenburger Grafenhaus übergeben werden sollte.
Dann begegneten wir im Schlosspark noch einem prächtigen Pfau, der über den Rasen schritt. Die Pfauendamen drückten sich in einer Nebengasse vor der spiegelnden Glasfassade der VR-Bank herum …
Wir hatten genug gesehen und da war ja auch schon unser Hotel …
Das Hotel hat übrigens der Architekt Theodar Eilers entworfen, wie etliche andere markante Gebäude der Region.