Texel
37 km Fahrrad + 6 km Wandern
Für heute hatten wir uns eine Inselrundfahrt vorgenommen. Die Zeichen dafür standen günstig: War beim ersten Blick aus dem Hotelfenster noch ein tiefgrauer Himmel mit Schattierungen in Grau zu sehen, leuchtete schon zum Frühstück zaghaft ein blauer Streifen. Aus dem Badort De Koog machten wir uns gen Norden auf den Weg. Nach wie vor war die Landschaft gut „belüftet“ – es blies ein kräftiger Wind, zum Glück (noch) nicht uns entgegen. Dafür waren viele Radfahrer unterwegs, auch viele Bakfietsen (Lastenräder) mit Kinderbesatzung, aber kaum Radler ohne Motorunterstützung so wie wir. Da die Radwege gut ausgebaut sind, mit Mittelstreifen, ist auch das Überholen möglich. Auf den langgestreckten Radwegen hinter Deich- und Dünenlandschaft kein Problem, bei den schlecht einsehbaren geschlängelten Wegen durch die Dünen musste man schon mehr aufpassen. An einer Stelle stellten wir unsere Fahräder ab (die Abstellbalken waren schon gut gefüllt) und machten uns auf den Weg zu einer kleinen Wanderung durch die Dünen zum Meer. Hier tummelten sich nicht nur zahlreiche Wanderer und Spaziergänger, sondern auch viele Vögel in den flachen Pfützen im Hinterland der tosenden Nordsee. Dank Absperrungen blieben Letztere von Ersteren weitestgehend ungestört; wenngleich ohne „Pivatsphäre“, denn es waren viele Vogelbeobachter mit großen Ferngläsern oder sogar monströsen Teleobjektiven vor Ort. Als Laien erkannten wir natürlich Möven, Reiher, Austernfischer, kleine umherflitzende Strandläufer und sogar einen Löffelreiher, der in den flachen Prielen nach Nahrung löffelte.
Nachdem wir die Nordspitze erreicht hatten, machten wir einen kurzen Abstecher zu dem 1864 erbauten Leuchtturm Eierland. Von hier führte die Route nun im Uhrzeigersinn weiter um die Insel, nun schon gegen heftigeren Wind und zuweilen etwas dunklere Wolken. Ein Stück ging es hinter dem Damm, dann wieder auf dem Damm entlang. Dann wurden wir kurz umgeleitet, vom Damm herunter, denn dort lag ein Brutgebiet, das in der Brutsaison tabu war. Jetzt ging es direkt am betonbefestigten Ufer des Wattenmeers entlang. Dort waren einige Wattwanderer oder Sammler unterwegs. Ein Mann lief scheinbar über’s Wasser – er trug aber Gummistiefel…
Jetzt ging es wieder ins Inland, wir bogen zum kleinen Örtchen Oosterend ab. Dort ist in einer ehemaligen Kirche die „Wollkathedrale“ aufgespannt. Über 200 Freiwillige, fleißige Frauen aus Texel und Besucherinnen, haben Schafwolle zu langen Bahnen (48 Paneelen) verarbeitet und diese im Innenraum an den Balken kunstvoll gehängt, so dass sie den Umriss einer Kirche bildeten. Und diese Kathedrale ist sogar begehbar; anstelle eines Altars steht ein Zweigwerk wie ein großer Strauch ohne Laub. Der meditative Eindruck wird durch choralartige Intrumentalmusik als Hintergrund verstärkt. Anliegen dieses Kuntsprojekt ist es, auf die Bedrohung der lokalen Texeler Wollproduktion durch globale Märkte und Preisdruck hinzuweisen. Die Wolle stammt von 150 Texeler Schafen und wurde auch hier gesponnen und von Hand verarbeitet.
Jetzt war es auch schon Zeit für eine andere Art der Besinnung: Kaffepause. Im Het Cafeetje gönnten wir uns Kaffee und einen herzhaften Imbiss mit „Experimentalcharakter“: Birgit eine Pincha (ein sehr fluffiger Pizzateig) mit Hummus und Grillgemüse und ich ein Brodje mit Fleischkroketten und Senfmayonnaise.
Gestärkt ging es nun quer über die Insel wieder in Richtung der Westküste, immer schön gegen den Wind. Da wir nun von der ursprünglichen Rundroute abgewichen waren, navigierten wir von Knooppunt (Knotenpunkt) zu Knooppunt, die gut ausgeschildert und auch auf der Bikeline-Karte und der Openfietsmap auf dem GPS eingetragen waren. Eigentlich braucht man sich nur wie bei einer Bestellung im Asia-Resaturant die Nummernfolge merken.
Trotz Gegenwind kamen wir wieder gut in De Koog an. Wir stellten die Fahrräder im Hotel unter, machten uns frisch und gingen noch ein wenig bummeln. Der Texel-Wollprodukteladen bot leider entgegen Namen und Werbung wenig aus einheimischer Schafwolle an, sondern hochwertige und hochpreisige Pullover, Jacken usw. aus Schweden, Irland (z.B. von den Aran Islands) und Neuseeland. Die Lokale entlang der Flaniermeile boten meist die Standards an: Burger, Steak oder Pizza, wenige mit originelleren regionalen Gerichten. Spargel gab es allerdings in vielen Restaurants und Eetcafes. Da das einzige richtige Pannekoekenhaus vollständig reserviert war, mussten wir ausweichen auf ein Lokal namens „Eigeweis!“ Das mochte vielleicht eigentümlich, seltsam oder so bedeuten, aber untypisch waren auf jeden Fall die Servierroboter, die das Essen zum Tisch brachten. Aufgetischt wurde aber immer noch vom Kellner: Birgits Spargelgericht und mein Pannekoeken mit Texeler Lammschinken und Bockshorn-Gouda – mit Tesselaar Bier aus einer hiesigen Familienbrauerei.
Vor dem Heimweg genossen wir noch ein Eis auf einer Bank.
Und etwas mussten wir noch ausprobieren. Bei der Hotelbuchung hatten wir das letzte günstigere Zimmer erwischt – mit Sauna im Bad! Wir setzten uns also ins „Miniatur-Schwitzerland“ und überlegten, dass eine „Pop-Up Sauna“ auf einer Radtour schon eine coole Sache wäre, aber wer soll die schleppen. Soviel Entspannung ist hoffentlich eine gute Grundlage für die morgige „volle“ Etappe.