Glasgow
Nach dem gestrigen Besuch im King’s Theatre ging es heute „theatralisch“ weiter. Um 10:30 Uhr waren wir mit Judith Bowers zu einer Panopticon-Tour verabredet. Auf dem Weg dahin schlenderten wir bei schönstem Sonnenschein entlang der Einkaufsstraße durch das morgendliche Glasgow. Vom Treffpunkt an der U-Bahn-Station begab sich dann ein kleines Grüppchen auf eine Tour bei der die Geschichte Glasgows aus der Sicht der Alltags- und Theaterkultur im Mittelpunkt stand.
Aufgrund der günstigen Lage zum Atlantik hatte Glasgow 1760 London als Hauptimporthafen für Tabak aus Virginia und andere Güter abgelöst und hatte sich zu einem Handelszentrum entwickelt. Die reichen Kaufleute und die gute Gesellschaft sehnten sich natürlich nach Abwechslung und Kultur wie in anderen Metropolen. Die ersten Versuche in Glasgow ein Theater zu eröffnen, waren allerdings weder von Erfolg gekrönt noch von der Kirche gesegnet. 1754 wurde der erste, hölzerne Theaterbau an der Castle Street (nahe der Glasgow Cathedral) nach einer Predigt des methodistischen Wanderpredigers, der das Gebäude öffentlich als „Tempel Satans“ (oder Beelzebubs) anprangerte, durch eine wütende Menge religiöser Eiferer komplett niedergerissen. Für ein Gastspiel der berühmten Schauspielerin Mrs. Bellamy wurde weiterhin ein Spielort gesucht. Da die Behörden in Glasgow Theater als unmoralisch verdammten, hatte man einen Platz außerhalb der Stadtgrenze gefunden. Aber kurz vor der Eröffnung 1764 des ersten dauerhaften Theaters in der Alston Street (Grahamston) legten Fanatiker einen Brand. Aber der Förderer und Unternehmer hatte vorgesorgt und eine Feuerwehrtruppe finanziert, die rechtzeitig anrückte um das Haus zu retten. Die Feuerwehr wurde von einem Kirchenvertreter mit der Exkommunizierung bedroht, sie sollten nur die umliegenden Häuser vor dem Brand schützen. Also richteten die Männer die Löschschläuche dorthin, drehten sie aber wieder zum Theater nachdem die Fanatiker abgerückt waren. Das Theater konnte so wieder repariert werden und die verbrannten Requisiten und Kostüme wurden durch reiche Mäzene ersetzt. Bis zu einem erneuten Brand 1780 war das Theater in Betrieb.
Durch die Vorgabe, dass Theater lizensiert werden mussten, hatten die Behörden Einfluss auf die Programmgestaltung. Theater mit Lizenz führten den Titel Royal.
Beim Theatre Royal York Street kam es zu einem regelrechten Theaterkrieg. Nachdem der bisherige Direktor das Theater erfolgreich an zwei Nachfolger gleichzeitig verkauft hatte und mit seinem so gewonnenen Vermögen mit unbekanntem Ziel verschwunden war, lieferten sich John Henry Alexander und Francis Seymor regelrechte Theaterschlachten. Nach dem ein Richter den Streit so entschieden hatte, dass der eine das obere Geschoss nutzen und der andere das untere Geschoss bespielen durfte, versuchte man sich gegenseitig zu übertönen; kein Problem bei der dünnen Zwischendecke, die die beiden Spielstätten voneinander trennte. Dann wurde entschieden, dass beide das gleiche Stück zeitgleich aufführen sollten. Nachdem auch dies nicht klappte, sollten beide abwechselnd spielen, was den einen der Prinzipale dazu brachte, an seinen spielfreien Tagen eine Privatparty mit Blaskapelle zu feiern. Letzlich zog sich einer der beiden zurück und übernahm ein anderes Theater.
Mit der Industrialisierung war die Bevölkerung Glasgows extrem gewachsen. Es gab kaum Wohnraum, und wenn, dann waren die engen einfachen Wohnungen hoffnungslos überbelegt oder wurden sogar in Schichten bewohnt. Die Industriearbeiter wichen in ihr „Wohnzimmer“ aus, in den Pub. Auch hier gab es Unterhaltung, allerdings mussten die Vorstellungen in einem separaten Raum stattfinden. Gesangs- und Tanzstücke, oft derben oder frivolen Inhalts, zogen die Aufmerksamkeit der amtlichen Theaterinspektoren auf sich. Die Wirte wussten sich zu helfen und bezahlten Zeitungsjungen, die ohnehin auf der Straße waren, zusätzlich dafür Alarm zu schlagen, wenn sich ein Inspektor näherte. Dann wurde schnell ein Kind mit einer harmlosen Darbietung auf die Bühne geholt bis die Gefahr vorüber war.
In der Nähe eines dieser Pubs, The Scotia, liegt das Panopticon, das älteste durchgängig betriebene Varieté- und Musiktheater der Welt. Hier endete unsere Tour, nachdem wir auch noch einige andere Highlights wie das ehemalige Gefängnis, den öffentlichen Park, wo theoretisch heute noch jeder seine Kuh weiden lassen darf, und den Ort des ersten Flohzirkus besichtigt hatten. Das Panopticon wurde Ende der 1850er Jahre eröffnet und bediente zunächst ein ähnliches Publikum mit ähnlichem Programm wie die Pubs, fasste aber viel mehr Besucher. Erst später kamen zu Gesangs- und Tanzeinlagen auch Akrobatik, Zauberkunststücke, Komiker. Aber die rauhen Sitten hielten sich; es war nicht unüblich, dass das Missfallen über eine Darbietung schon mal mit Pferdedung unterstrichen wurde. Das Publikum hier war schon immer sehr streng oder anspruchsvoll; noch heute gilt für Comedians: wer es in Glasgow schafft (oder übersteht), der schafft es auch woanders.
Ein junger Mann startete hier seine Karriere gegen den erklärten Willen seines Vaters, selbst Schauspieler und „Theaterdirektor“ in einem Pub. Mit 16 Jahren trat Arthur Stanley Jefferson hier auf und begeisterte weniger durch geistreichen Witze, sondern durch seine Mimik und slapstickhafte Ungeschicklichkeit. Er wurde als Stan Laurel im Komiker-Duo Laurel und Hardy (oder „Dick und Doof“) berühmt.
Mit unserem Ticket für die Führung unterstützten wir den Verein für die Erhaltung des Panopticon, erklärte unsere Führerin, selbst Gründerin der Initiative, die zudem noch viktorianische und Geisterführungen anbietet und Bücher schreibt.
Nachdem wir noch ihr und ihrer Empfehlung gefolgt waren und bei Scran + Roadie leckere Sandwiches und Salate gegessen hatten, konnten wir unseren Spaziergang durch Glasgow gestärkt fortsetzen. Nach Besichtigung der St. Mungo Kathedrale, die auch das Grab des namengebenden Heiligen beherbergt, ging es über die „Seufzerbrücke“ in die Nekropolis mit vielen Grabmalen berühmter oder einfach nur wohlhabender Verstorbener, z. B. des bereits erwähnten Schauspielers und Theaterdirektors Alexander, des Brauereibesitzers Tennant und des schottischen Reformators John Knox.
Um auch noch einen Blick in den Botanischen Garten zu werfen, fuhren wir noch ein paar Stationen mit der U-Bahn, die mit einer Strecke und sehr kompakten Zügen und Waggons recht niedlich wirkt. Auf dem Weg machten wir noch kurz in einem Biergarten Halt, bevor wir wie viele andere die Sonne und den schönen Park genossen.
Zum Abendessen gingen wir in die „Kirche“, in der heute nicht nur ein Pub sondern auch Räume für Hochzeiten untergebracht sind. Verschämt leuchtet auf dem ehemaligen Kirchturm ein leicht verrutschter Heiligenschein.