Pieterburen – Termunterzijl
67,32 km
Nach einem guten Frühstück, bei dem wir den gerade niedergehenden Schauer ausgiebig abschätzen und würdigen konnten, rollten wir dann 09:30 Uhr los ohne gleich nass zu werden. Da heute unterwegs weitere Schauer zu erwarten waren, zogen wir gleich unsere Regenjacken an, in der Hoffnung, dass sie als Anti-Regenzauber wirken. (funktionierte nicht). Das Geheimnis, warum auf dem Parkplatz hinter der Unterkunft ein Zirkuswagen vom Zirkus Renz Berlin stand, konnten wir nicht mehr auflösen.
Nach ein paar Schlenkern im Hinterland ging es wieder Richtung Deich, allerdings erst einmal direkt hinterm Deich entlang – eine Auffahrt zur Deichkrone entpuppte sich als Sackgasse. Aber auch so hatten wir genug Publikum – die meisten vornehm in Schafpelze gehüllt.
Aber auch viele Vögel waren unterwegs. An einem kleinen „See“ hinter dem Deich, dem sogenannten Kluutenplas, Namensgeber ist ein kleiner schwarzweißer Vogel – der Kluut oder Säbelschnäbler, sammelten sich besonders viele der gefiederten Küstenbewohner.
Wir verließen aber bald den Deich und sollten lange die Nordsee nicht mehr sehen, obwohl wir streng der Eurovelo 12 (Nordseeradweg) folgten.
Es war vielleicht auch gut so, denn das viele Schäfchenzählen macht ja auch müde.
Nächstes Ziel war Warffum, wo im Freilichtmuseum etliche historische Häuser zusammengetragen worden waren – einige waren hierher „umgezogen“. So wie ein Armenhaus für Frauen, das in Groningen abgebrochen und hier wieder aufgebaut worden war. In einem spärlich beleuchteten Raum mit Tischchen und Spinnrad konnte man die Gespräche der Frauen hören und sah die Schatten, die Arbeiten verrichteten und ich dabei Geschichten erzählten. Die Präsentationen in diesem Haus waren der versteckten Armut früher und heute gewidmet. Es gab aber auch das Haus eines jüdischen Metzgers – alle 22 jüdischen Bürger des Ortes wurden1942 in Konzentrationslager verschleppt; bis auf einen Jungen hat keiner überlebt. Ein Bürgerhaus zeigte das Leben aus den 1920ern; es gab einen historischer Laden, eine Schmiede mit Fahrradladen und ein Schifferhaus. Die kleine Windmühle war ein technisches Experiment: die sich selbsstätig nach dem Wind ausrichtenden Flügel trieben nicht etwa ein Mahlwerk sondern eine Säge an. Natürlich gab es einen Dorfkrug (De Kroeg), den wir uns als Krüger ansehen mussten. Dort stand auch eine Art historischer Vorläufer eines Flipperautomaten. In der ehemaligen Turnhalle der alten Schule war ein Restaurant untergebracht, in dem wir einen Kaffee und eine Senfsuppe genossen. Damit waren wir für die Weiterfahrt gestärkt. So wie sich der Radweg durch die Landschaft schlängelte – meist hatten wir Glück und der Wind begünstigte oder behinderte uns wenigstens nicht – so konnte sich das Wetter auch nicht richtig entscheiden. Es tröpfelte, dann kam wieder die Sonne durch … Aber im großen und ganzen kamen wir gut voran und blieben soweit trocken.
In Bierum führte die Route an der massiven Backsteinkirche vorbei, deren Anfänge auf das 13. Jh. zurückgehen. So ist der Bau auch ein Mix aus romanischen und gotischen Stilelementen. Davon zeugten auch die beeindruckenden Fresken, mit denen das Gewölbe verziert war.
Auf dem Weg lag noch das Wasserschloss Menkemaborg in Uithuzen. Heute ist das Schloss ein Museum und man kann es besichtigen. Aber wir hatten schon einen ausgiebigen Museumsbesuch hinter uns; außerdem wurde auf einer Kreidetafel vor einer aggressiven Gans gewarnt…
Etliche Rechts- und Linkskurven später waren wir wieder am Deich angelangt. Vor uns lag Delfzijl, eine größere Stadt mit hauptsächlich Chemieidustrie und Hafen- und Lagerwirtschaft. In der Stadt war gerade Kirmes mit Riesenrad und anderen Attraktionen und so waren alle Hotels in der Umgebung ausgebucht. Auf dem Deich ragte eine auffällige Säule mit einem gewundenen Schriftband empor – eine Erinnerung an den Groninger Mundartsänger Ede Staal, der in Delfzijl begraben ist.
Kurzzeitig überlegten wir, vom nahegelegenen Hafen aus die Fähre nach Emden zu nehmen, da wir dort mit Sicherheit eine Unterkunft finden würden. Aber dann hätten wir doch zuviel von der Route abgeschnitten, und wir wollten uns ja auch Leer ansehen. Also weiter, wir hatten ja schließlich auch ein Zelt dabei und an der Strecke lagen noch einige Campingplätze. Und so landeten wir schließlich in Termunterzijl auf dem Caravan- und Campingplatz. Außer uns gab es nur noch ein Zelt; ebenso wie wir war neben uns ein Schweizer Paar mit Tandem, gerade mit Zeltstangenmikado beschäftigt.
Nachdem wir das Zelt aufgebaut und „eingerichtet“ hatten, machten wir uns auf Nahrungssuche. Wir wurden im Vispaleis („Fischpalast“) fündig – einem Fischimbiss mit angeschlossenem Restaurantbereich. Wir stellten fest: eigene Scholle ist doch was wert, und kauften uns für den Weg zurück noch ein Eis. Noch eine warme Dusche bevor wir in unseren Schlafsack krochen – allerdings waren die Sanitäranlagen modernisiert aber noch nicht ganz fertig, bei Boden und Wandfliesen war noch etwas zu tun. Dafür hatte sich der Platzwart, der unsere 20 Euro für die Übernachtung kassierte, ausgiebig entschuldigt.
Gute Nacht!