Harlingen-Holwert
77,5 km
Leider mussten wir das schöne Städtchen Harlingen verlassen. Zumindest zeigte sich die Sonne. Beim Weg vom Fahrradstellplatz über den Innenhof zur Rezeption sagte die Chefin, na wenigstens kein Regen – und wie auf Bestellung tröpfelte es ein wenig. Zunächst ging es nach einigen letzten Stadtblicken, inklusive Gracht ein Stückchen am Van Harixmakanaal entlang und später großräumig um Hafen und Gewerbegebiet, bevor wir nach einem kleinen Haken direkt am Deich landeten. Dort lümmelten große und kleine Schafe herum, einige lagen einfach lang hingestreckt da, als müssten sie sich von einem anstrengenden Party-Wochenende erholen. Aber nicht nur die Schafe bekamen etwas zu sehen, hier oben vom Deich hatte man einen schönen Blick über die friesische Landschaft.
Der offizielle Küstenweg führte immer wieder vom Deich herunter und im Hinterland entlang. So passierten wir zufällig ein Örtchen mit dem wohl nur für deutsche Ohren zweifelhaften Namen Sexbierum. Wir haben aber keinerlei dahingehende Ausschweifungen feststellen können. Vielleicht haben hier nur Römer ihre Bierzelte aufgeschlagen, oder im folgenden Oosterbierum. Summa „Tzummarum“ (so der nächste Ort) eine lustige Namensreihe. Die Sixtuskirche dort, ein vom 12. Jh. an immer wieder erweiterter Bau, soll eine Orgel aus dem 18. Jh. beherbergen und auch im entsprechenden Stil gestaltet sein, aber leider war die Tür verschlossen. Wir kamen am ehemaligen Bahnhof vorbei an einem kleinen Stück der ehemaligen Bahnstrecke.
Der Radweg führte nun auf dem Grünen Deich entlang, einem Inlanddeich der das neue vom alten Land trennt. Deg Grüne Deich war der erste Seedeich, heute natürlich abgelöst von den weiter vorgelagerten und viel mächtigeren Deichen. Weiter ging’s zu einem anderen Ort mit wichtiger Kirche – Sint Jacobiparochie, der sich bescheiden als Santiago des Nordens titulierte. Hier beginnt ein Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Die Grote Kerk aus dem Jahr 1849 mit untypischem repräsentativem Säulenportal ist heute ein Kulturzentrum. Davor eine Skulptur, die den Weg zur Unendlichkeit (quasi eine Radtour) symbolisiert, der in der Ferne immer dünner wird.
Auch interessant waren die alten Friesenhäuser, die wir immer wieder passierten: ein großes Gebäude mit tief herunterreichendem Reetdach, wo früher Vieh und Menschen gemeinsam lebten. Etliche werden noch als Stall genutzt, mit angebautem Wohnhaus, andere wurden zum Wohnen umgebaut.
Wieder am Deich stießen wir auf ein Denkmal für diejenigen, die mit schwerer Arbeit Stück für Stück die Deiche wachsen ließen, um das mühsam dem Meer abgerungene Land zu schützen.
Eine lange Edelstahlbank auf dem Deich (als Spende und Vermächtnis) lud zum Picknick ein, bevor es auf dem Deich weiter ging. Jetzt trafen wir aber nicht auf Mutterschafe mit Lämmchen, sondern hier tummelten sich Böcklein und Böcke, viele mit ausladenden geschraubten Hörnern.
Aber man kann sagen: nicht nur das Wetter war uns wohlgesonnen, sondern auch die Schafe brachten uns Wohlwollen entgegen. Auch wenn wir aufpassen mussten und gelegentlich auch um sie herumkurven mussten.
Aber bei unzähligen Schafen konnte einem schon mal schläfrig werden und so waren wir froh, dass die Route zur Abwechslung nun im Hinterland entlangführte, auch mit reizvoller Landschaft – und natürlich Windmühlen!
Wieder am Deich fiel uns der sogenannte Deichtempel ins Auge: Auf hohen Säulen ruhte ein grasbewachsenes Dach. Der Bau erinnert an die große Leistung, als zwischen 1960-1995 über 66 km Deiche zum Schutz der friesischen Polderlandschaft gebaut wurden. Auf dem Weg nach Holwert (oder Holwerd, selbst im Ort trifft man beide Schreibweisen) grüßten in Ferwert noch die Reste der gotischen Kirche St. Martinus auf einer Warft. Jetzt war es auch nicht mehr weit bis zu unserer Unterkunft, dem Fietshotel Zee van Tijd. Dort erwartete uns ein Brief mit Schlüssel zu einem sehr schönen Zimmer und der Bitte, das Frühstück und die Frühstückszeit, wenn gewünscht, per Whatsapp anzumelden. Ich fragte noch nach einem Fahrradabstellraum und nach einem kurzen Chat trafen wir den jungen Mann im Erdgeschoss und er zeigte uns wo wir die Räder einstellen konnten. Getränke und Knabbereien hätten wir im Hotel im Aufenthaltsraum auswählen und bezahlen können. Aber wir hatten heute noch keine vollwertige Mahlzeit gehabt und waren nach der Strecke auch ein wenig hungrig. Im Ort selbst gab es aber nur einen Spar. Am Fährterminal nach Ameland sollte ein Restaurant sein, das aber 19:45 Uhr nach Ablegen der letzten Fähre schließt. Also schwangen wir uns noch einmal auf unsere Räder und genossen den Blick auf das sonnengleißende Watt. Der Schauer auf der Strecke nach Holwert war schon fast vergessen.
Es gab auch tatsächlich vollwertige Hauptgerichte; mit gebratenem Lachs, Spare Ribs, Pommes und Salat, zusammen mit einem alkoholfreien Bier waren wir nun versöhnt. Dann schnell zurück nach Holwert. Wir stattetem dem Spar noch einen kurzen Besuch ab – leckere Erdbeeren und Knäckebrot für alle Fälle für unterwegs – und gingen ins Hotel.